Last Updated on October 29, 2026 by Hannah Keller
Wer nach dem Vermögen von Karl Ess sucht, landet fast überall bei derselben Zahl: fünf Millionen Euro. Sie stammt aus Porträts von Focus Online und t-online, die beide aus dem Jahr 2023/2024 datieren und sich auf dieselbe Quelle stützen, das Portal Vermögenmagazin. Belastbar ist die Zahl nicht mehr. Dasselbe Portal hat seine Schätzung inzwischen auf rund 2,5 Millionen Euro halbiert – und schreibt selbst, dass auch dieser Wert bewusst vorsichtig gewählt ist. Überlagert wird die Frage ohnehin von einem laufenden Strafverfahren: Ess sitzt seit August 2026 in Untersuchungshaft, die Staatsanwaltschaft München I ermittelt wegen des Verdachts auf gewerbs- und bandenmäßigen Betrug.
Die Zahlen stammen aus Verkäufen, die Jahre zurückliegen
Die hohen Schätzungen beruhen auf echten Firmenverkäufen – allesamt abgeschlossen zwischen 2017 und 2021. Der größte belegte Einzelbetrag entfällt auf das Fitnessmode-Label Gym Aesthetics, das Ess 2013 mit drei Partnern zu gleichen Teilen gründete. 2017 wurde die Firma für 4,6 Millionen Euro verkauft; auf Ess entfielen bei seinem Viertel rund 1,25 Millionen Euro. Das ist der am besten dokumentierte Betrag seiner Laufbahn.
Dazu kamen weitere Ausstiege. Sein Trainingsprogramm Bodywork360 setzte zwischen 2014 und 2017 nach damaligen Angaben rund drei Millionen Euro um und ging 2018 an Investoren. Ebenfalls 2018 trennte sich Ess von der veganen Supplementmarke ProFuel, und von 2016 bis 2021 war er über seine 2019 gegründete EssCom GmbH an der Saft- und Supplementmarke Yuícery beteiligt. Die reinen YouTube-Werbeeinnahmen spielten daneben eine Nebenrolle. Ein auf Kanaldaten spezialisierter Dienst schätzt die YouTube-Erlöse heute sogar nur auf einen niedrigen bis mittleren fünfstelligen Dollarbetrag im Jahr – eine Größenordnung, die zeigt, wie wenig das reine Creator-Geschäft zum Vermögen beiträgt.
Genau hier liegt der Kern des Missverständnisses. Die kursierenden Millionen sind keine Momentaufnahme eines heutigen Kontostands, sondern die Summe von Deals, die bis zu neun Jahre zurückliegen. Was seither aus dem Geld wurde, lässt sich von außen nicht nachvollziehen.
Was gegen ein heutiges Millionenvermögen spricht
Mehrere öffentlich nachvollziehbare Signale widersprechen dem Bild des Multimillionärs. Die EssCom GmbH mit Sitz in Ismaning gilt bei der Bonitätsauskunft Creditreform als ausgefallen, was praktisch einer Warnung vor Kreditvergabe gleichkommt. Nach Angaben des Nachrichtenportals 20 Minuten ist Ess fünfmal im amtlichen Schuldnerverzeichnis eingetragen – er erteilte trotz Aufforderung durch Gerichtsvollzieher keine Vermögensauskunft. Mehrere seiner Gesellschaften sind inzwischen liquidiert oder insolvent.
Wer titulierte Forderungen nicht begleicht und die eidesstattliche Vermögensauskunft verweigert, verfügt in aller Regel nicht über große liquide Mittel. Deshalb setzt Vermögenmagazin die aktuelle Schätzung auf rund 2,5 Millionen Euro – deutlich unter der Selbstdarstellung in seinen Videos und ausdrücklich als Schätzung, nicht als belegte Zahl. Ein verlässlicher Gesamtwert des heutigen Privatvermögens ist öffentlich nicht bekannt, und seriöse Angaben reichen von einem niedrigen fünfstelligen bis zu einem einstelligen Millionenbereich.
Fit One gehörte ihm nie
Hartnäckig hält sich die Angabe, Ess sei Mitbesitzer der Fitnessstudiokette Fit One. Das stimmt nicht. Er kündigte das erste Studio 2014 in Stuttgart öffentlich an und trat als Werbebotschafter auf, war an der Kette selbst aber nicht beteiligt; betrieben wird sie von einer anderen Gesellschaft. Für sein Vermögen spielt Fit One keine Rolle. Aus derselben frühen Phase stammt die Bewerbung eines Energydrinks, dessen Vertriebsstruktur öffentlich als Schneeballsystem kritisiert wurde – nach eigener Darstellung machte Ess damit sogar Verlust.
Das Verfahren, das jede Vermögensfrage überlagert
Der Grund, warum das Thema gerade jetzt gesucht wird, ist das Strafverfahren. Nach Bestätigung der Staatsanwaltschaft München I gegenüber dem Bayerischen Rundfunk wurde Ess – mit vollem Namen Karl Christian Eß – aufgrund eines Haftbefehls des Amtsgerichts München festgenommen. Das Verfahren richtet sich gegen den Verdacht des gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs und steht im Zusammenhang mit Immobiliengeschäften.
Worum es dem Grunde nach geht, zeigt ein dokumentierter Einzelfall: Eine Volksbank wollte einem Kunden eine Immobilie in Düsseldorf finanzieren, zahlte das Darlehen aber nicht aus, weil die Eigenkapitalnachweise des Kreditnehmers mutmaßlich gefälscht waren, und behielt sich 2025 eine Strafanzeige vor. Das dahinterstehende Modell hatte Ess offen beworben – Immobilienerwerb ohne Eigenkapital, finanziert über Mieteinnahmen und Steuerersparnisse. Untersuchungshaft ist dabei weder Strafe noch Schuldspruch; sie sichert das Verfahren, und bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung. Parallel prüfen laut einer Einschätzung aus dem Bank- und Kapitalmarktrecht mögliche Geschädigte eigene zivilrechtliche Ansprüche, unabhängig vom Ausgang des Strafprozesses.
Für die Vermögensfrage heißt das: Etwaige Werte könnten im Zuge der Ermittlungen strafprozessual gesichert werden – ein weiterer Grund, die alten Millionenangaben nicht fortzuschreiben.
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Quellen: Vermögenmagazin | BR24 | 20 Minuten | Focus Online | anwalt.de
Hannah Keller ist Redakteurin bei VermoegenHeute.de und spezialisiert auf Vermögensanalysen, Unternehmer, Influencer und Wirtschaftsthemen. Ihre Inhalte basieren auf journalistischer Recherche sowie öffentlich zugänglichen Informationen und Medienberichten.

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